Spettingen und/oder Reinhartshausen

Sollten es die Reinhartshausener übersehen haben, im Jahre 1969 „1000 Jahre Spettingen“ zu feiern?

Wie immer, wenn es keine konkrete Gründungsurkunde für eine Ansiedlung gibt, müssen andere Nachweise für die Existenz einer Ansiedlung herangezogen werden.

So kann der geneigte Leser im Historischen Atlas von Bayern, Reg.Bezirk Schwaben, Band 11 Augsburg-Land, auf den Seiten 92ff und 98 folgendes nachlesen: „Der Kirchenzehnt zu Spettinga wurde 969 zur Ausstattung des Klosters St. Stephan in Augsburg herangezogen. (Vock. Nr. 3) Im 12. Jahrhundert erscheint ein Hidunch de Spetingen (MB 22, 84), der in seiner Rolle aber obskur bleibt. Der Ort Reinhartshausen scheint von Spöttingen her ausgebaut worden zu sein (BA IX 274 ff).“

 

Reinhartshausener hätte im Jahre 1969 tatsächlich „1000 Jahre Spettingen“ feiern können. Man hat damals aber nicht gefeiert, weil es keinen Sinn macht, die Vergangenheit eines bereits vor 560 Jahren abgegangenen Einödhofs zu feiern.

 

Spettingen ist ein abgegangener Einödhof, der in der Nähe des heutigen Friedhofs stand.
Hidunch de Spetingen trat 1140 als Zeuge in einer Urkunde des Augsburger Klosters St. Ulrich und Afra auf. Spetingen ist letztmalig im hochstift-augsburgischen Urbar der Vogtei Hattenberg in der Reihenfolge zwischen TEPSHOUEN (Döpshofen) und ETTENHOUEN (Ettenhofen, heute Burgwalden) aufgeführt. Der Flurname „Der Spöttinger“ erinnert noch heute daran. Die Spettinger Grundstücke sind in der Meierhof-Beschreibung von Reinhartshausen aus dem Jahre 1677 enthalten.
Ferner ist nachgewiesen, dass die kleine Kapelle auf dem „alten“ Friedhof die Apsis einer Kirche ist, deren Vorgängerbau die Spöttinger Kirche ist. Würde man den Vorplatz der Kapelle aufgraben, kämen die Fundamente des Langhauses der alten Marienkirche zum Vorschein.
Nachdem 1455 für Reinhartshausen eine Pfarrstelle dotiert wurde, dürfte in diese Zeit auch das Ende der Ansiedlung „Spetingen“ / „Spettingen“ zu datieren sein.
Warum feiert nun das Dorf Reinhartshausen am 14. Februar 2016 seine „erstmalige urkundliche Erwähnung vor 700 Jahren“?
Die Antwort ist einfach und hat doch einen komplexen Hintergrund:
Zuerst der Hintergrund: Die Herrschaft Hattenberg (noch als Burgstall bei Breitenbronn feststellbar) war, als sie um 1300 an das Hochstift Augsburg fiel, eines der umfangreichsten Herrschaftsgebilde des gesamten Gebiets. Der Reichsministeriale Konrad Spannagel nennt 1251 unter den Zeugen einer Urkunde auch die filii fratris mei de Hattenberc [Die Kinder meines Bruders Hattenberc] (MB 6, 526). Die Herrschaft Hattenberg entpuppt sich durch das 1316 angefertigte Urbar, das den reichsministerialen Besitzstand im Wesentlichen unangetastet und unverändert überliefern dürfte, und durch die vorangegangenen Vergabungen in erster Linie als Vogtherrschaft.
Und nun die einfache Antwort: Der Name „Renhartshausen“ wird am 14. Februar 1316 in einer Kaufbrief-Urkunde erstmals erwähnt. Verkauft wurden 2/3 des Großen und des Kleinen Zehnts durch Ludwig und Ulrich von Hagenbach {Vater und Sohn} an Conradt den alten Zingiesser von Augspurg; Eigentümer bleibt aber Hermann Speth von Vaymingen {Faimingen}. 1316 fertigt Hermann Speth von Vaymingen als Bestätigung des vorgenannten Verkaufs an Conradt Zingiesser von Augsburg einen Lehensbrief aus. 1353 gehen die genannten 2/3 Zehnt an die Herren von Laber in der Oberpfalz über.
1. Augsburger Silber-Pfennig (ca. 0,7-0,8g)

1. Augsburger Silber-Pfennig (ca. 0,7-0,8g)

Urkunde vom 23. April 1355 erwirbt Ulrich Ilsung [aus Augsburg] in Gemeinschaft mit seinem Mitbürger Bertold Bach von Agnes, der Witwe Gottfrieds von Wellenburg, und ihrem Sohn Hermann weitere zehn Güter. Dies sind der Meierhof, 9 Hofstätten und der Ziegelstadel. Ferner das Gericht, die Ehaften sowie die Vogtei über das Kirchen- und Pfarrgut nebst Zehenten und dem Widdem. Der Preis beträgt 195 Pfund Augsburger Pfennig.
1371 verkauft Heinrich Bach [Sohn des Bertold Bach] und dessen Ehefrau Katharina, geb. Langenmantel, das Dorf für 500 Gulden an Peter Egen und Konrad Gwerlich, beide Bürger in Augsburg.
1479, am Samstag nach dem Fronleichnamstag, verkauften die Brüder Konrad und Ulrich Gwerlich [wahrscheinlich der Enkelsohn des vorigen Konrad von 1371] und Consorten das ganze Landgut Reinhartshausen um 2400 Gulden an den Augsburger Bürger Leonhard Lauginger. Erstmals wird ein „gesess“ als herrschaftlich es Anwesen erwähnt!
Am 19. September 1586 verkauften die Erben der Felizitas Pimmel, geb. Honold, (Sohn Anton Pimmel, Schwiegersohn Anton Manlich und die Vormundschaft des Enkels Julius Welser) für nunmehr 24.000 Rheinische Gulden an Hans Fugger, Herr von Kirchberg und Weißenhorn auf Kirchheim, das ganze Dorf „sambt einem Herrengeseß, Bauhof, Gericht, Zwing und Bann….“.
Hans Fugger von der Lilie, vollständig Hans, Freiherr Fugger, Herr zu Kirchheim, Glött, Mickhausen, Stettenfels und Schmiechen, (* 4. September 1531; † 19. April 1598, begraben in Kirchheim in Schwaben) war der zweite Sohn des Anton Fugger (1493–1560) und der Anna Rehlinger. Sein ganzes Leben lang diente er dem Handelsunternehmen der Fugger in unterschiedlichsten Bereichen. Diese erstreckten sich von den Niederlanden über Spanien bis wieder in das heimatliche Augsburg.
Am 6. Oktober 1586 wurden das UrbarRegister und das Verzaichnüs über das Dorf Renhartshausen angelegt. Beide Dokumente enthalten eine komplette Beschreibung der Besitztümer und die Namen der Besitzer des gesamten Dorfs. Die Gerichtsbarkeiten obliegen der Fuggerischen Herrschaft.
Nach dem Inventar der Jahre 1590/1595 wird das Gut Reinhartshausen rechnerisch auf 37.286 Gulden und 6 2/3 Kreuzer veranschlagt. Davon entfallen 25.000 Gulden auf die Niedergerichtsbarkeit und 8.500 Gulden das Schloss und die Badstube. Der jährliche Reingewinn des Guts belief sich auf 1.031 Gulden und 26 2/3 Kreuzer.
Das Gut blieb von nun an bei der Kirchheimer Fuggerlinie, bis am 11. März 1672 der kinderlose Kaiserliche Kammergerichtspräsident Johann Eusebius Fugger (1638-1672) verstirbt. Seine Gemahlin war Eleonore Maria zu Fürstenberg.
Franz Ernst Fugger auf Glött erbte das Gut und verkaufte es am 3. Dezember 1678 an das Augustiner Chorherren-Stift Hl. Kreuz in Augsburg. Kraft seines Einstandsrechts gelang es Franz Joachim Fugger-Wellenburg, den Verkauf rückgängig zu machen. 1685 verstarb Franz Joachim Fugger-Wellenburg. Am 24. Mai 1689 überließ dessen Witwe Felizitas Fugger, geb. Gräfin Lodron, das Gut ihrem Schwager Anton Joseph Fugger auf Wellenburg.
Reinhartshausen im Jahre 1750

Reinhartshausen im Jahre 1750

1764 verstarb dessen Enkel Josef Maria Fugger-Wellenburg und die Wellenburger Linie erlosch und Reinhartshausen geht zusammen mit der ganzen Wellenburger Herrschaft an die Linie Fugger-Babenhausen über.
In Anbetracht seiner und seiner Familie Verdienste für Kaiser und Reich wurde Graf Anselm Maria Fugger (1766-1821) am 1. August 1803 durch Kaiser Franz II. von Österreich in den Reichsfürstenstand erhoben und durfte sich somit Anselm Maria Fürst Fugger von Babenhausen nennen.
Die hohe Politik macht auch vor dem Dorf Reinhartshausen, das zum Besitz des Fürstentums Babenhausen gehört, nicht Halt: Am 15. September 1806 nahm das Königreich Bayern das Fürstentum Babenhausen formell in Besitz. Seit diesem Zeitpunkt sind die Reinhartshauser Bürger „Königlich-bayerische Bayern“ und leben bis 1837 im Verwaltungsbezirk Oberdonaukreis und danach im Regierungsbezirk Schwaben und Neuburg.
Bis September 1806 gehörte das Landgut Reinhartshausen zur Markgrafschaft Burgau und damit zum erzherzoglichen Verwaltungsbezirk Vorderösterreich, also waren die Reinhartshauser Einwohner standesrechtlich „Österreicher“. Nach Ende des Ersten Weltkriegs und spätestens seit Ende des Zweiten Weltkriegs liegt Reinhartshausen im Regierungsbezirk Schwaben. Die Bewohner sind damit „Bayerische Schwaben“.
Getreu dem Motto der Tourismusbranche „Wo Bayern schwäbisch schwätzt“, spricht man, äh redet man, in Reinhartshausen nach der „schwäbischen Mundart“.
Auch wenn die Gemeinde Reinhartshausen am 30.06.1972 ihre kommunalpolitische Selbständigkeit verloren hat, lebt ihre eigene Geschichte weiter.
Nicht zuletzt deshalb feiern die Reinhartshauser Bürger am 14. Februar 2016:
“700 Jahre erste urkundliche Erwähnung des Ortsnamens Reinhartshausen“.
Text: Ludwig Wiedemann